Kandidatin mit Schere im Kopf

Warum die Chefredakteurin von RST ihre hauptamtliche Tätigkeit besser ruhen lassen sollte

Nach dem Krieg gab es in Rheine einen Zeitungsredakteur der gleichzeitig Ratsmitglied war. Davon habe ich während meiner Zeit als Redakteur bei der Münsterschen Zeitung manchmal heimlich geträumt. Aber diese Konstellation verstieß gegen mein Berufsethos. Denn als Mitglied der so genannten „Vierten Gewalt“ war es für mich undenkbar, beide Ämter gleichzeitig inne zu haben. Denn, so liest man bei Wikipedia:

Vierte Gewalt, vierte Macht oder publikative Gewalt wird als informeller Ausdruck für die öffentlichen Medien, wie Presse und Rundfunk, verwendet. „Vierte Gewalt“ meint dabei, dass es in einem System der Gewaltenteilung eine vierte, virtuelle Säule gibt. Neben Exekutive, Legislative und Judikative gibt es danach die Medien, die zwar keine eigene Gewalt zur Änderung der Politik oder zur Ahndung von Machtmissbrauch besitzen, aber durch Berichterstattung und öffentliche Diskussion das politische Geschehen beeinflussen können.

Deshalb habe ich mich auch erst nach Beendigung meiner aktiven Zeit dafür entschieden, politisch aktiv zu werden und mache das jetzt als Ratsmitglied der SPD-Fraktion.

Aber die Zeiten und das Berufsethos ändern sich wohl: Andrea Stullich, Chefredakteurin von Radio RST, wurde Landtagskandidatin der CDU. Ihren Job als Chefredakteurin behält sie, lässt ihn nicht einmal für die Zeit des Wahlkampfes ruhen. Das müssen sie und ihre Partei natürlich selbst verantworten. Die örtlichen Printmedien, die sich mit dieser Problematik nicht einmal ansatzweise auseinander setzten, müssen sich fragen, ob sie ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht in diesem Fall nachgekommen sind.

Wenn Frau Stullich dann, wie heute in der MV zu lesen war, als Kandidatin Un- oder Halbwahrheiten verbreitet, dann wird das schon bedenklich, die „Schere im Kopf“ wird dramatisch deutlich. Sie wettert gegen das von der SPD und den Grünen geführte Land NRW. „Nirgendwo seien Städte und Gemeinden so klamm wie in NRW“ behauptet sie. Klarheit bringt da die Pro-Kopf-Verschuldung. Da liegt NRW sicherlich mit und leider mit an der Spitze, aber glücklicherweise nicht an erster Stelle. Statistisch gesehen stimmt es, dass unter den Flächenländern in NRW die meisten Einbrüche pro Kopf der Bevölkerung gezählt werden. Aber gibt es nicht auch neben den Flächenländern Bundesländer wie Bremen und Hamburg, in denen die Kriminalitätsrate noch höher ist?

Und hier ist das Problem: Als Redakteurin, zudem als Chefredakteurin, würde sie ihre eigenen Aussagen kritisch hinterfragen. Als Politikerin lässt sie alle Bedenken beiseite und plappert die Behauptungen ihrer Parteikollegen aus Düsseldorf nach.

Es ist nicht verboten, dass sich ein Mitglied der „Vierten Gewalt“ für ein Mandat in der Politik bewirbt. Doch sollte dieses seine hauptberufliche Aufgabe für diese Zeit ruhen lassen. Denn ansonsten wird auch das Medium, in diesem Fall Radio RST, als objektives Medium unglaubwürdig.

 

 

Ein Kommentar zu „Kandidatin mit Schere im Kopf

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